Zwischen Anspruch und Zeitdruck
Was Dialysepflege heute wirklich bedeutet

Der Pflegealltag in Deutschland verändert sich spürbar. Pflegende berichten seit Jahren, dass ihre Arbeit dichter, komplexer und körperlich wie emotional anspruchsvoller geworden ist. Die nephrologische Pflege steht dabei besonders im Fokus – denn kaum ein anderer Bereich verbindet eine so hohe technische Verantwortung mit langfristiger Patientenbegleitung und zunehmender Multimorbidität.
Dass dieser Druck nicht nur ein subjektives Empfinden ist, zeigt die aktuelle Datenlage sehr deutlich. Der Deutsche Pflegetag verweist auf amtliche Statistiken, nach denen die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2055 um rund 1,8 Millionen Menschen steigen wird (DeutscherPlegetag, 2024, S. 6)
Gleichzeitig sinkt die Arbeitsmarktreserve der Pflegekräfte (Senghaas & Struck, 2023, S. 10)
Dadurch wird die Versorgung zunehmend von weniger Pflegekräften für mehr Patientinnen und Patienten geleistet – eine Entwicklung, die sich im Alltag deutlich bemerkbar macht.
Steigende Multimorbidität – und was sie für die Dialyse bedeutet
Diese gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zeigen sich in der nephrologischen Pflege besonders eindrücklich. Die europäische Analyse von Rostoker (2024) beschreibt einen klaren Trend: Dialysepatientinnen und -patienten werden nicht nur älter, sondern auch multimorbider, häufig mit mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig (Rostoker, 2024, S. 2)
Diabetes, Herzinsuffizienz, Gefäßerkrankungen, neurologische Einschränkungen oder Wundheilungsstörungen treten selten isoliert auf. Sie bilden komplexe Krankheitsbilder, die ein enges Monitoring, hohe Aufmerksamkeit und schnelle Entscheidungen erfordern. Für die Pflege bedeutet das mehr Beobachtungsaufwand, mehr klinische Einschätzung, mehr Sicherheitsanforderungen und mehr emotionale Anspannung. Die Verantwortung wächst – die Zeitfenster jedoch nicht.
Die DPS-Studie zeigt, dass eine Pflegekraft in einer 8-Stunden-Schicht bis zu sechs stabile Patient*innen betreuen kann, bei hoher Morbidität jedoch nur noch zwei bis drei (Fernsebner & Dorfleitner, 2024)

Damit wird sichtbar, wie unmittelbar der medizinische Wandel auf die Pflege wirkt: Mehr Erkrankungen bedeuten real weniger Betreuungszeit pro Person – und damit mehr Belastung in jedem Dienst.
Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Machbarkeit formuliert eine Pflegekraft in einem eindrücklichen Satz, der stellvertretend für viele Stimmen steht:
„Ich habe es gelernt, gut, würdevoll und nachhaltig zu pflegen. Ich will mich nicht schämen müssen, dass mir im Alltag oft nur noch Minimalversorgung möglich ist.“
(DBfK, 2018)
Dieser Satz beschreibt die fachliche, aber auch die moralische Belastung, die Pflegekräfte spüren, wenn Strukturen eine hochwertige Versorgung erschweren.
Belastung wächst – und sie ist belegbar
Mit der steigenden Multimorbidität allein lässt sich die Belastung jedoch nicht erklären. Hinzu kommen strukturelle Faktoren, die den Druck weiter erhöhen. Die BARMER-Pflegestudie zeigt, dass 76 % der Pflegekräfte regelmäßig unter Zeitdruck stehen und über die Hälfte sich emotional erschöpft fühlt. (Beer, Fuhrken, Böhling, Wessel, & Witte, 2023)
Auch die BGW weist im Trendbericht darauf hin, dass die Zahl der Pflegekräfte pro Pflegebedürftigem weiter sinkt – bei gleichzeitig steigenden Fallzahlen (Vollbracht, 2024, S. 8)
Für die nephrologische Pflege bedeutet diese Kombination: Wenn die Komplexität steigt und das Personal knapp bleibt, verschärft sich die Verantwortung. Komplikationen wie Hypotonien, Herzrhythmusstörungen oder akute Verwirrtheit treten in Sekunden auf – und reagieren müssen meist dieselben wenigen Hände. Gleichzeitig erleben Pflegekräfte die emotionale Seite der chronischen Versorgung: Nähe, Bindung, Krisen und Abschiede begleiten den Alltag. Der Wunsch, Patientinnen und Patienten gut zu begleiten, bleibt bestehen – selbst wenn Rahmenbedingungen es erschweren.
Damit wird sichtbar, was viele Pflegende täglich erleben:
Steigende Multimorbidität bedeutet steigende Pflegebelastung – bei gleichbleibenden Zeitfenstern.

Was die Versorgung jetzt braucht
Angesichts dieser Belastungen stellt sich die Frage, welche Faktoren Pflegekräfte in der nephrologischen Versorgung tatsächlich entlasten können. Die Literatur zeigt hier erstaunlich klare Linien: Entlastung gelingt immer dort, wo strukturelle, organisatorische und psychosoziale Rahmenbedingungen verlässlich ineinandergreifen.
Ein zentraler Hebel liegt in verlässlichen Personalstrukturen, die der tatsächlichen Morbidität der Patientinnen und Patienten gerecht werden. Die DPS-Studie unterstreicht deutlich, dass sich die Betreuungsrelation bei hoher Komplexität deutlich verringert (Fernsebner & Dorfleitner, 2024)
Daher ist es notwendig, Dienstpläne und Personaleinsatz regelmäßig zu evaluieren und flexibel an die Patient*innen-Komplexität anzupassen. Eine solche Anpassung ist kein organisatorisches Detail, sondern Voraussetzung für Sicherheit und professionelle Pflegequalität.
Genauso wichtig ist eine funktionierende Kommunikations- und Feedbackkultur. Regelmäßige Besprechungen, kollegiale Reflexion und transparente Absprachen wirken wie ein stabilisierender Rahmen, der Unsicherheiten reduziert und die gemeinsame Verantwortung stärkt. Der BGW-Trendbericht weist darauf hin, dass Arbeitsressourcen wie Feedback, Beteiligung und klare Zuständigkeiten Belastungsfolgen deutlich abmildern (Vollbracht, 2024)
Auch die Qualität der technischen Ausstattung und Fortbildungsmöglichkeiten spielt eine entscheidende Rolle. Eine verlässliche Materialversorgung, funktionierende Maschinen und regelmäßige Schulungen tragen dazu bei, Fehler zu vermeiden und Sicherheit zu schaffen. Eine gut ausgestattete Arbeitsumgebung verbessert nicht nur die Versorgungsqualität, sondern reduziert auch das Risiko von Erschöpfung und Burnout (Vollbracht, 2024, S. 20)
Darüber hinaus wirkt eine professionalisierte Arbeitsorganisation entlastend: klare Prozesse, abgestimmte Abläufe, transparente Vertretungsregelungen und planbare Pausen senken das Belastungsempfinden spürbar. Gerade in der Dialyse, wo Abläufe eng getaktet sind, tragen strukturierte Übergaben und verlässliche Planung erheblich zur Stabilität bei.
Ein weiterer zentraler Bereich ist die Team- und psychosoziale Unterstützung. Die BARMER-Studie zeigt deutlich, dass Pflegekräfte sich weniger erschöpft fühlen, wenn sie von einem starken Team getragen werden und Belastungen offen angesprochen werden können (Beer, Fuhrken, Böhling, Wessel, & Witte, 2023, S. 30-32)
Regelmäßige Fallbesprechungen, Supervision oder unterstützende Gespräche schaffen einen Raum, in dem Emotionen verarbeitet und schwierige Situationen gemeinsam getragen werden können – ein Aspekt, der gerade in der langjährigen Betreuung chronisch kranker Patient*innen von zentraler Bedeutung ist.
Schließlich zeigt sich, dass Weiterbildung und Professionalisierung eine wesentliche strategische Säule darstellen. Der DBfK betont, dass fachliche Kompetenz, klare Aufgabenstrukturen und planbare Arbeitsbedingungen wesentlich zur langfristigen Gesundheit von Pflegekräften beitragen (DBfK, 2021)
Gerade in der nephrologischen Pflege, die hohe technische und klinische Anforderungen stellt, stärken Fortbildungen das berufliche Selbstverständnis und geben Sicherheit in komplexen Situationen
Fazit
Der nephrologische Pflegealltag ist geprägt von steigender Morbidität, engem Zeitkorsett und begrenzten personellen Ressourcen. Diese Belastungen sind nicht nur spürbar, sondern messbar – und durch Studien klar belegt. Gleichzeitig macht die Literatur deutlich, dass Entlastung gelingt, wenn Strukturen verlässlich sind, Teamkultur gepflegt wird und Pflegefachpersonen über die Ressourcen verfügen, die sie benötigen, um ihren anspruchsvollen Alltag professionell zu gestalten.
Der Anspruch, gut zu pflegen, bleibt zentral. Und gerade deshalb braucht es Rahmenbedingungen, die es Pflegefachpersonen ermöglichen, ihrer Aufgabe gerecht zu werden – verantwortungsvoll, sicher und mit dem fachlichen Selbstverständnis, das ihren Beruf ausmacht.
Autorenangaben:
Anika von Gliszczynsk M. A.
Leitung Weiterbildungsstätte Fachweiterbildung nephrologie - Universitätsklinikum Essen Redaktionelles Team eJournal fnb e. V.
Literaturverzeichnis
Beer, M., Fuhrken, C., Böhling, L., Wessel, S., & Witte, ,. C. (2023). Pflegestudie 2.0. Von barmer.de/...pflegestudie-coronabezogene-ressourcen-und-belastungsanalyse-bei-pflegekraeften-data.pdf
DBfK. (2018). Mein Beruf: Pflegen. Von dbfk.de/media/docs
DBfK. (2021). Pflege wirkt ebenso - anständige Rahmenbedingungen für professionelle Pflege. Von dbfk.de/...pflege-wirkt-wir-ebenso-Broschuere.pdf
DeutscherPlegetag. (2024). Zahlen und Fakten zur Pfleg in Deutschland. Von deutscher-pflegerat.de/dpt24/04_DPT24_Factsheet_Pflege_aktualisiert.pdf
Fernsebner, T., & Dorfleitner, G. (2024). Empirische Analyse des Personalbedarfs in deutschen Dialyseeinrichtungen. Von epub.uni-regensburg.de/59139
Rostoker, G. e. (2024). Dialysis nurse demand in Europe: an estimated prediction based on modelling. Clinical Kidney Journal, 17(7). doi:doi.org/10.1093/ckj/sfae162
Senghaas, M., & Struck, O. (2023). Arbeits- und Personalsituation in der Alten- und Krankenpflege. Von doku.iab.de/forschungsbericht/2023
Vollbracht, M. (2024). Zwischen Burn-out, Optimierung und Systemwechsel-Ambulante Pflege in Deutschland ein Trendbericht 2024. Von www.bgw-online.de/resource/blob/110064/d5cdd6b8c2d43d222c96c75331ab5dc9/bgw-trendbericht-ambulante-pflege-2024-data.pdf