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WHO-Resolution zu CKD - Für Sie gelesen!

Kommentar zu “Kidney disease must be counted everywhere” (The Lancet, 7. November 2025)

Mit der im Mai 2025 verabschiedeten Resolution der 78. Weltgesundheitsversammlung erkennt die WHO chronische Nierenerkrankungen (CKD) offiziell als globale Priorität von sogenannten „nichtübertragbaren Krankheiten“ an.

Ein aktueller Kommentar in The Lancet (“Kidney disease must be counted everywhere”, DOI: 10.1016/S0140-6736(25)01941-5) ordnet diese Resolution ein und diskutiert neue Daten der Global Burden of Disease (GBD) Study 2023.

  • Weltweit leben 2023 geschätzt rund 788 Millionen Erwachsene mit CKD – mehr als doppelt so viele wie 1990. CKD ist inzwischen die neunt häufigste Todesursache und für etwa 1,48 Millionen Todesfälle jährlich verantwortlich.
  • Länder mit niedrigem soziodemografischem Index (SDI) tragen die höchste Belastung, haben aber den schlechtesten Zugang zur Behandlung, insbesondere zur Nierenersatztherapie (KRT; Dialyse, Transplantation).

Der Kommentar fordert: CKD muss überall erfasst, früh erkannt und konsequent behandelt werden, sonst bleiben Ungleichheiten und vermeidbare Todesfälle bestehen.

Abstract

Hintergrund: Chronische Nierenerkrankungen (CKD) sind weltweit weit verbreitet, aber oft unerkannt. Eine neue WHO-Resolution rückt die Nierengesundheit in den Mittelpunkt der NCD-Agenda. Ein Kommentar in The Lancet bewertet aktuelle Schätzungen der Global Burden of Disease Study 2023 zu CKD und leitet Konsequenzen für Politik und Versorgung ab.

Methodik: Grundlage sind Modellierungen der GBD 2023 Chronic Kidney Disease Collaborators für Erwachsene ab 20 Jahren in 204 Ländern. Analysiert werden CKD- Prävalenz, Todesfälle und krankheitsbedingte Lebensjahrverluste (= DALYs) von 1990 bis 2023, stratifiziert nach Region und Sociodemographic Index (SDI).

Ergebnisse: Für das Jahr 2023 wird die Zahl der Erwachsenen mit CKD auf 788 Millionen (95 %-Unsicherheitsintervall: 743–843) geschätzt (1990: 378 Millionen). Die altersstandardisierte Prävalenz stieg von 13,7 % auf 14,2 %, die rohe Prävalenz von 12,3 % auf 14,6 %. CKD ist die neunt häufigste Todesursache (1,48 Millionen Todesfälle) und zudem werden 11,5 % aller kardiovaskulären Todesfälle Nierenfunktionsstörungen zugeschrieben. Länder mit niedrigem SDI weisen deutlich höhere CKD-bedingte Todesraten und DALYs auf. Die CKD-DALYs liegen dort etwa 70 % über dem globalen Durchschnitt.

Tabelle 1: Zentrale Kennzahlen zur globalen CKD-Belastung (1990 und 2023, GBD 2023)

Schlussfolgerung: CKD ist ein globales Gesundheitsproblem mit ausgeprägten Ungleichheiten. Der Kommentar fordert eine bessere Datenerhebung, die Integration der CKD-Früherkennung in die Primärversorgung, die konsequente Umsetzung von Leitlinien und eine gerechtere Verteilung von Diagnostik und Nierenersatztherapie – insbesondere in ressourcenarmen Ländern.

Keywords: Chronische Nierenerkrankung (CKD); Global Burden of Disease (GBD) 2023; Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs); Sociodemographic Index (SDI); Nierenersatztherapie (KRT); globale Gesundheitsungleichheiten; WHO-Resolution.

Hintergrund und Kontext

Der Kommentar stellt die GBD-Daten in den Kontext der im Jahr 2025 von der WHO verabschiedeten Resolution, mit der alle Mitgliedstaaten anerkennen, dass Nierenerkrankungen ein zentrales Thema der öffentlichen Gesundheit sind.

In Hochlohnländern sind CKD zwar besser erkennbar, dennoch bleiben sie häufig unterdiagnostiziert und nur ein Teil der Betroffenen erhält eine optimale leitliniengerechte Therapie. In vielen Ländern mit niedrigem Einkommen ist die Situation dramatischer: Die Patientinnen und Patienten stellen sich erst spät im fortgeschrittenen Stadium vor, haben sehr eingeschränkten Zugang zu Dialyse und Transplantation und verursachen katastrophale Gesundheitsausgaben für ihre Familien.

Ein wesentlicher Grund für die lange Unterschätzung der Bedeutung von CKD sind fehlende und unvollständige Daten. Der Kommentar argumentiert, dass Nierenerkrankungen systematisch erfasst werden müssen, um die Versorgung planen und Ungleichheiten reduzieren zu können.

Kernaussagen der GBD-Analyse

Globale Last

Im Jahr 2023 leben Schätzungen zufolge 788 Millionen Erwachsene mit CKD, gegenüber 378 Millionen im Jahr 1990. Die altersstandardisierte Prävalenz stieg von 13,7 % auf 14,2 %, die rohe Prävalenz von 12,3 % auf 14,6 %. Dies spiegelt sowohl das Altern der Bevölkerung als auch eine reale Zunahme der CKD-Belastung wider.

Regionale Unterschiede

Die Prävalenz ist ungleich verteilt: Am niedrigsten ist sie in der High-Income Superregion (etwa 10,8 %), am höchsten in Nordafrika und dem Nahen Osten (etwa 18 %). Südasien, Subsahara-Afrika sowie Lateinamerika und die Karibik liegen mit 15–16 % im mittleren Bereich, weisen aber große Datenlücken auf. Zugleich ist der Zugang zur Nierenersatztherapie ungleich: Die höchste KRT-Prävalenz findet sich in der High-Income Superregion, während in Subsahara-Afrika eine extrem niedrige KRT-Prävalenz berichtet wird.

Mortalität und DALYs

CKD war 2023 die neunt häufigste Todesursache und verantwortlich für rund 1,48 Millionen Todesfälle. Zusätzlich werden 11,5 % aller kardiovaskulären Todesfälle Nierenfunktionsstörungen zugeschrieben.

Die CKD-bedingten Todesraten pro 100 000 Einwohner sind in Ländern mit niedrigstem SDI etwa 75 % höher als in Ländern mit höchstem SDI. Die CKD-attributablen DALYs liegen in Subsahara-Afrika, Nordafrika/Naher Osten und Lateinamerika/Karibik etwa 70 % über dem globalen Durchschnitt.

Grenzen der Daten

Der Kommentar benennt mehrere Einschränkungen der GBD-Schätzungen: In vielen Datensätzen wurde die Nierenfunktion nur einmal gemessen, zur Berechnung der eGFR wurden unterschiedliche, teils veraltete Formeln genutzt, und Albuminurie-Daten fehlen insbesondere in Ländern mit niedrigem SDI weitgehend. Zudem liegen keine Daten zu Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren vor.

Trotz dieser Grenzen gelten die GBD-Ergebnisse als die derzeit beste globale Schätzung der CKD-Last und machen das Ausmaß der Ungleichheiten deutlich.

Konsequenzen für Praxis und Politik

Aus den Daten leitet der Kommentar folgende Handlungsfelder ab:

  • Früherkennung: Systematische Testung von Risikogruppen (z. B. Personen mit Diabetes, Hypertonie oder kardiovaskulären Erkrankungen) in der Primärversorgung mit einfacher, kostengünstiger Basisdiagnostik.
  • Leitlinienumsetzung: Konsequente Anwendung der KDIGO-Leitlinien zu CKD und Diabetes in allen Versorgungsebenen sowie Schulung von Gesundheitsfachkräften im CKD-Management.
  • Zugang zur Therapie: Stufenmodelle der Versorgung und gezielter Ausbau der Nierenersatztherapie in Regionen mit bisher extrem niedriger KRT-Prävalenz.
  • Datenbasis stärken: Aufbau von Registern, Einbindung nationaler und regionaler Fachgesellschaften sowie Nutzung von Haushaltsbefragungen, um bestehende Datenlücken zu überbrücken.

Fazit

CKD ist ein global relevantes und bislang unterschätztes Gesundheitsproblem mit aus- geprägten Ungleichheiten. Die Kombination aus WHO-Resolution und GBD-2023-Daten schafft eine gemeinsame Grundlage, um Nierengesundheit als Priorität der öffentlichen Gesundheit zu verankern. Entscheidend sind nun eine bessere Datenerhebung, die Integration der Früherkennung in die Primärversorgung, die konsequente Umsetzung von Leitlinien und eine gerechtere Verteilung von Diagnostik und Therapie – insbesondere in ressourcenarmen Ländern.

Kommentar der Redaktion

Wir erkennen die im Artikel geschilderte Problematik uneingeschränkt an. Nur auf der Grundlage verlässlicher Daten können geeignete Maßnahmen zur Behebung oder zumindest Verringerung des Problems entwickelt werden. Dies muss sich auch in hochentwickelten Ländern wie Deutschland widerspiegeln – sowohl in den wissenschaftlichen Fachgesellschaften als auch im FNB (Fachverband Nephrologischer Berufsgruppen e. V.).

Darüber hinaus gilt es, die Voraussetzungen dieser Entwicklungen noch präziser zu analysieren. Wir vermuten wesentliche Ursachen in einer übermäßigen Zuckeraufnahme, einer erhöhten Phosphatzufuhr durch Fertigprodukte, einer unkontrollierten Kalorienzufuhr sowie in einem insgesamt nicht artgerechten Lebensstil.

Die Prävention von Diabetes mellitus, die Förderung eines gesünderen Lebensstils und die intensivierte Forschung zu vermeidbaren Krankheiten wie der chronischen Nierenerkrankung (CKD) sollten konsequenter vorangetrieben werden – ohne vorschnelle medikamentöse Eingriffe oder reine Unterdrückungstherapien.

Gesundheitsbewusstsein muss bereits im Kindesalter durch Bildung verankert werden und sollte später auch in Betrieben selbstverständlich sein. Dabei ist die Erhebung relevanter Daten unerlässlich, die aber unter Wahrung des Datenschutzes erfolgen muss und keinesfalls in globale Kontrollmechanismen übergehen darf.

Aus unserer Sicht ist nicht allein die konsequente Umsetzung bestehender Leitlinien entscheidend, sondern vor allem die gründliche Ursachenforschung jener Faktoren, die die Entstehung einer CKD begünstigen.

 Unser Statement

Chronische Nierenerkrankungen (CKD) sind ein zentrales Public-Health-Problem – auch in unserem Versorgungssystem. Die Daten der Global Burden of Disease Study zeigen eine deutliche Zunahme von CKD und eine besondere Belastung sozial benachteiligter Gruppen.

Als professionell Pflegende übernehmen wir auf Grundlage des Pflegeberufegesetzes (PflBG) eine eigenständige Verantwortung für Gesundheitsförderung, Prävention, Beobachtung, Beratung und Schulung. Wir sehen uns nicht nur als Unterstützende, sondern als aktive Gestaltende der CKD-Prävention und -Versorgung. Pflegefachpersonen identifizieren Risikogruppen, initiieren frühzeitig Abklärungen, stärken das Selbstmanagement der Betroffenen und sichern Kontinuität entlang der gesamten Versorgungskette.

Wir nehmen diese Rolle bewusst an und erwarten, dass unsere pflegerische Expertise auf Augenhöhe in Strategien zur Nierengesundheit einfließt – in nationale Präventionsprogramme, Leitlinienentwicklung, Versorgungsmodelle in Hausarztpraxen, ambulanten Zentren, Kliniken und Dialyse-Einrichtungen. Ohne eine selbstbewusste, gesetzlich verankerte Pflege als gleichberechtigte Partnerin wird es nicht gelingen, die CKD-Last nachhaltig zu reduzieren und gesundheitliche Chancengleichheit zu verbessern.

Autorenangaben:
Herr Thomas Fernsebner M.A.
Akademie nephrologischer Berufsgruppen GmbH
Redaktionelles Team eJournal fnb e. V.


Literaturverzeichnis

Luyckx VA, Ulasi II. Kidney disease must be counted everywhere. The Lancet. 2025 Nov 7; Online ahead of print. doi:10.1016/S0140-6736(25)01941-5.

GBD 2023 Chronic Kidney Disease Collaborators. Global, regional, and national bur- den of chronic kidney disease in adults, 1990–2023, and its attributable risk factors: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023. The Lancet. 2025 Nov 7; Online ahead of print. doi:10.1016/S0140-6736(25)01853-7.

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