fnb eJournal
02/26
Inhaltsverzeichnis

Unterschiedliche Forschungsmethoden in Medizin und Pflege – eine praxisorientierte Einordnung für die Nephrologie

Abb.: Beispielbild, pexels

Abstract

Medizinische und pflegerische Forschung nutzen unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge, um Versorgung zu analysieren und weiterzuentwickeln. Während randomisierte kontrollierte Studien (RCT) vor allem die Wirksamkeit von Maßnahmen untersuchen, richtet die Pflegeforschung ihren Fokus zusätzlich auf Prozesse, Erfahrungen und Rahmenbedingungen im Versorgungsalltag. Für Pflegefachpersonen in der Nephrologie ist evidenzbasiertes Arbeiten von besonderer Bedeutung, da technische Anforderungen, Patientensicherheit und individuelle Bedürfnisse gleichzeitig berücksichtigt werden müssen. Der Beitrag stellt zentrale Forschungsmethoden dar und ordnet diese in einen gemeinsamen wissenschaftlichen Kontext ein. Dabei wird aufgezeigt, dass Pflegeforschung nicht isoliert steht, sondern methodische Parallelen zu Disziplinen wie Psychologie, Sozialarbeit und Pädagogik aufweist. Ergänzend wird die Entwicklung der Pflegeforschung im nationalen und internationalen Kontext skizziert und anhand eines Praxisbeispiels aus der Dialyse veranschaulicht.

Keywords:
Pflegeforschung, Randomisierte Kontrollierte Studie, RCT, Grounded Theory, Qualitative Forschung, Quantitative Forschung

Einleitung

Pflegefachpersonen treffen im Versorgungsalltag regelmäßig Entscheidungen, die sowohl auf wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch auf Erfahrung und situativer Einschätzung basieren. In der nephrologischen Versorgung zeigt sich dies besonders deutlich, da standardisierte Abläufe und individuelle Patientensituationen eng miteinander verknüpft sind.

Vor diesem Hintergrund gewinnt evidenzbasiertes Arbeiten in der Pflege zunehmend an Bedeutung. Während in der medizinischen Forschung vor allem randomisierte kontrollierte Studien (RCT) zur Bewertung von Interventionen eingesetzt werden, zeigen sich in der Pflege Grenzen dieses Ansatzes bei der Abbildung komplexer Versorgungssituationen (Windeler, Antes, Behrens, Donner-Banzhoff, & Lelgemann, 2008, S. 566).
Pflegeforschung erweitert diesen Blick, indem sie neben der Wirksamkeit von Maßnahmen auch Prozesse, Erfahrungen und Kontextbedingungen systematisch untersucht. Diese Perspektive findet sich auch in anderen Disziplinen, insbesondere in der qualitativen Sozialforschung, die sich mit subjektiven Erfahrungen und sozialen Zusammenhängen beschäftigt (Döring & Bortz, 2016).
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Pflegeforschung strukturell verankert ist und mit welchen methodischen Zugängen sie arbeitet. Der Beitrag greift diese Fragestellung auf und stellt zentrale Forschungsmethoden sowie deren Bedeutung für die pflegerische Praxis dar.

Forschungsmethoden im Vergleich

Vor dem Hintergrund dieser strukturellen Einordnung werden im Folgenden zentrale Forschungsmethoden dargestellt, die in der medizinischen und pflegewissenschaftlichen Forschung Anwendung finden.

  1. Randomisierte kontrollierte Studien (RCT)

Randomisierte kontrollierte Studien gehören zu den wichtigsten Methoden der medizinischen Forschung. Dabei werden Teilnehmende zufällig in Gruppen eingeteilt, um den Effekt einer Intervention möglichst genau zu untersuchen. RCTs ermöglichen eine hohe interne Validität und gelten als zentral für die Bewertung von Interventionen (Windeler, Antes, Behrens, Donner-Banzhoff, & Lelgemann, 2008, S. 565). Gleichzeitig wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass klinische Entscheidungen häufig nicht ausschließlich auf hochqualitativer Evidenz beruhen (Kunz, Ollenschläger, Raspe, Jonitz, & Donner-Banzhoff (Hrsg.), 2000, S. V-VI).

Abb. 2: RCT-Studie (KI genereiertes Bild)

Während randomisierte kontrollierte Studien auf die Messung von Effekten unter kontrollierten Bedingungen ausgerichtet sind, werden qualitative Verfahren eingesetzt, um Erfahrungen, Bedeutungen und Abläufe im Versorgungskontext zu untersuchen (Windeler, Antes, Behrens, Donner-Banzhoff, & Lelgemann, 2008, S. 568).

  1. Qualitative Forschung und Grounded Theory

In der Pflegeforschung kommen neben quantitativen Verfahren auch qualitative Methoden zum Einsatz. Diese zielen darauf ab, Erfahrungen, Abläufe und Zusammenhänge zu verstehen (Weydmann & Iwan, 2025, S. 60). Ein Beispiel dafür ist die Grounded Theory. Hier werden Daten, beispielsweise aus Interviews oder Beobachtungen, systematisch ausgewertet. Aus diesen Daten entwickeln sich schrittweise Kategorien und Zusammenhänge, die erklären, wie Pflege im Alltag funktioniert (Weydmann & Iwan, 2025, S. 59; S. 67–68). Die Grounded Theory wurde ursprünglich von Glaser und Strauss entwickelt und stellt ein etabliertes Verfahren der qualitativen Sozialforschung dar (Weydmann & Iwan, 2025, S. 61). Sie wird insbesondere eingesetzt, wenn komplexe Handlungsprozesse untersucht werden, die sich nicht vollständig standardisieren lassen (Weydmann & Iwan, 2025, S. 60).

Abb. 3: Grounded Theory in der Pflege (KI genereiertes Bild)

Die Unterschiede zwischen beiden methodischen Ansätzen betreffen insbesondere Zielsetzung, Vorgehen und Aussagekraft. Die folgende Tabelle fasst diese Aspekte zusammen.

  1. Vor- und Nachteile von RCT und Grounded Theory - eigene Darstellung anlehnend an:

Windeler, Antes, Behrens, Donner-Banzhoff, & Lelgemann (2008); Weydmann & Iwan (2025)

Aspekt Randomisierte kontrollierte Studie (RCT) Grounded-Theory
Ziel Prüfung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen Verstehen von Prozessen, Erfahrungen und sozialen Zusammenhängen
Stärken Hohe interne Validität und Vergleichbarkeit von Interventionen Erfassung komplexer Situationen und Entwicklung neuer theoretischer Zusammenhänge)
Aussagekraft Aussagen über Wirksamkeit und Kausalität Aussagen über Bedeutungen, Zusammenhänge und Prozesse
Datenbasis Quantitative Daten wie Messwerte und Skalen Qualitative Daten wie Interviews und Beobachtungen
Vorteile Standardisierte Durchführung und Reproduzierbarkeit Flexibilität und Berücksichtigung von Kontextfaktoren
Nachteile Begrenzte Übertragbarkeit auf komplexe Versorgungssituationen und ethische Einschränkungen Geringere Generalisierbarkeit und höherer Interpretationsaufwand
Typische Fragestellung „Wirkt Intervention X besser als Y?“ „Wie wird eine Situation erlebt und beeinflusst?“
Beispiel (Nephrologie) Wirksamkeit einer Intervention bei Shuntpunktion Erleben von Angst bei Shuntpunktion

Einordnung in andere Disziplinen

Die Gegenüberstellung zeigt, dass unterschiedliche Forschungsmethoden verschiedene Erkenntnisziele verfolgen. Ein vergleichbarer methodischer Ansatz findet sich auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, wie Sozialarbeit, Psychologie oder Pädagogik- sie arbeiten mit qualitativen Methoden, um menschliches Verhalten, Erfahrungen und soziale Kontexte zu erfassen. Diese Disziplinen nutzen qualitative Forschung, um komplexe Situationen zu analysieren und Handlungskonzepte zu entwickeln. Auch innerhalb der Medizin gewinnt die Versorgungsforschung zunehmend an Bedeutung, die nebenquantitativen Daten auch qualitative Ansätze integriert (Döring & Bortz, 2016, S. 32).

Bedeutung für die nephrologische Pflegepraxis

In der nephrologischen Versorgung treffen standardisierte Abläufe und individuelle Situationen direkt aufeinander. Pflegefachpersonen müssen technische Anforderungen, Sicherheitsaspekte und patientenbezogene Bedürfnisse gleichzeitig berücksichtigen (Schnittert, 2020, S. 84). Ein Beispiel aus der Forschung zeigt, dass Angst und psychische Belastung bei Dialysepatientinnen und -patienten häufig auftreten und einen Einfluss auf den Behandlungsverlauf haben (Cukor, et al., 2007).

Praxisbeispiel: Angst bei Shuntpunktion

Die unterschiedlichen methodischen Zugänge lassen sich exemplarisch anhand der Shuntpunktion darstellen (Abb. 4). Während randomisierte kontrollierte Studien die Wirksamkeit einzelner Interventionen untersuchen, zielt die qualitative Forschung auf das Verständnis der individuellen Erfahrung und der Einflussfaktoren.

Abb. 4: Unterschiedliche forschungsmethodische Perspektiven auf die Shuntpunktion.Eigene Darstellung (Erstellung KI) in Anlehnung an (Weydmann & Iwan, 2025) (Windeler, Antes, Behrens, Donner-Banzhoff, & Lelgemann, 2008).

In der pflegerischen Praxis werden beide Perspektiven zusammengeführt. Entscheidungen basieren nicht ausschließlich auf Studienergebnissen, sondern auch auf Erfahrung und individueller Situation.

Methodische Einordnung und Zusammenführung der Perspektiven

Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass unterschiedliche Forschungsmethoden verschiedene Aspekte von Versorgung erfassen. Während RCTs auf die Prüfung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen abzielen, ermöglichen qualitative Verfahren ein Verständnis von Handlungsprozessen und Kontextbedingungen. Die Pflegeforschung arbeitet nicht monomethodisch, sondern bewusst mit unterschiedlichen Zugängen. Quantitative Verfahren liefern Daten zu Häufigkeiten, Belastungen, Personalbedarf oder Versorgungsqualität. Qualitative Verfahren erschließen dagegen Erfahrungen, Deutungen und Prozesse, die sich nicht sinnvoll auf reine Effektmessungen reduzieren lassen. In der wissenschaftlichen Diskussion wird daher zunehmend betont, dass komplexe Versorgungsrealitäten nur durch die Kombination verschiedener Methoden angemessen erfasst werden können. Mixed-Methods-Ansätze verbinden beide Perspektiven, indem sie quantitative und qualitative Daten systematisch zusammenführen. Dadurch können sowohl Wirksamkeit als auch Umsetzbarkeit und Akzeptanz von Maßnahmen berücksichtigt werden (Schreier, Echterhoff, Bauer, Wydmann, & Hussy, 2023, S. 338).

Grenzen und Herausforderungen der Forschungsmethoden

Trotz ihres hohen Stellenwerts stoßen RCTs in der Pflege an methodische, ethische und praktische Grenzen. Nicht jede pflegerische Fragestellung lässt sich randomisieren, standardisieren oder unter kontrollierten Bedingungen sinnvoll untersuchen. Insbesondere in Situationen, in denen Maßnahmen notwendig sind oder nicht vorenthalten werden können, ist eine Randomisierung ethisch problematisch. Darüber hinaus können standardisierte Studiendesigns komplexe Kontextfaktoren nur eingeschränkt abbilden. Aspekte wie Beziehungsgestaltung, Kommunikation oder individuelle Bedürfnisse lassen sich nur begrenzt quantifizieren. Für die Pflege bedeutet das: Beobachtende, quasi-experimentelle und qualitative Designs sind nicht „weniger wert“, sondern für viele pflegerelevante Fragestellungen geeigneter. Gleichzeitig stehen qualitative Verfahren vor der Herausforderung, ihre Ergebnisse nachvollziehbar und transparent darzustellen. Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Nachvollziehbarkeit und Reflexivität spielen hierbei eine zentrale Rolle.

Fazit

Pflegeforschung eröffnet einen eigenständigen Zugang zu Gesundheit und Versorgung, der über die klassische Wirksamkeitslogik medizinischer Forschung hinausgeht. Sie fragt nicht nur, ob eine Maßnahme wirkt, sondern auch, wie sie wirkt, unter welchen Bedingungen sie umsetzbar ist und welche Bedeutung sie für die konkrete Versorgungspraxis hat. Die Gegenüberstellung verschiedener Forschungsmethoden zeigt, dass diese nicht als Gegensätze verstanden werden sollten, sondern sich gegenseitig ergänzen.

Für die nephrologische Pflege bedeutet dies, dass evidenzbasiertes Handeln sowohl auf wissenschaftlicher Evidenz als auch auf Erfahrung und individuellen Patientenbedürfnissen basiert. Pflegeforschung ersetzt die RCT nicht, aber sie erweitert den Blick auf das, was gute Versorgung in der Realität überhaupt möglich macht.

Autorenangaben:
Anika von Gliszczynsk M. A.
Leitung Weiterbildungsstätte Fachweiterbildung Nephrologie
Universitätsklinikum Essen
Redaktionelles Team eJournal fnb e. V.


Literaturverzeichnis

Cukor, D., Brown, C., Friedmann, S., Cromwell-Smith, A., Peterson, R., & Kimmel, P. (2007). Depression and anxiety in urban hemodialysis patients. Clinical Journal of the American Society of Nephrology,, 2(3), S. 484-490.

Döring, N., & Bortz, J. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in Sozial- und Humanwissenschaften. Heidelberg: Springer.

Kunz, R., Ollenschläger, G., Raspe, H., Jonitz, G., & Donner-Banzhoff (Hrsg.), N. (2000). Lehrbuch Evidenzbasierte Medizin in Klinik und Praxis. Köln: Ärzte-Verlag.

Moses, S. (2015). Die Akademisierung der Pflege in Deutschland. Bern: Hogrefe.

Schnittert, U. (2020). Neu in der Dialyse. Berlin: Springer.

Schreier, M., Echterhoff, G., Bauer, J., Wydmann, N., & Hussy, W. (2023). Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften für Bachelor. Berlin: Springer.

Weydmann, N., & Iwan, M. (2025). Grounded Theory - Grundlagen für Forschungspraxis. Zugegriffen 25. März 2026. pedocs.de/volltexte/2025/33846/pdf/Weydmann_Iwan_2025_Grounded_Theory.pdf.

Windeler, J., Antes, G., Behrens, J., Donner-Banzhoff, N., & Lelgemann, M. (März 2008). kritische Evaluation ist ein Wesensmerkmal ärtzlichen Handelns. Zugegriffen 25. März 2026. api.aerzteblatt.de/pdf/105/11/a565.pdf.

Inhaltsverzeichnis fnb eJournal 02/26
  • beispielbild dialyse
    Cover der Ausgabe
  • Editorial
  • Depressionen bei chronischer Nierenerkrankung (CKD)
  • Unterschiedliche Forschungsmethoden in Medizin und Pflege
  • Qualifikationsmix im Fokus: MFA und Pflegefachpersonen im Vergleich
  • abb. 1: beispielbild pixabay
    Vorbehaltsaufgaben in der nephrologischen Pflege
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