Depressionen bei chronischer Nierenerkrankung (CKD): Hintergrundwissen, Relevanz & Früherkennung – Schlüsselrolle Pflege im Fokus

Abstract
Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Begleiterkrankungen bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung (CKD). Besonders im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung und während einer Dialysebehandlung sind Patientinnen und Patienten erheblichen körperlichen und psychosozialen Belastungen ausgesetzt. Trotz der hohen Häufigkeit bleiben depressive Symptome im nephrologischen Alltag häufig unerkannt, da sie sich teilweise mit Beschwerden der Grunderkrankung überschneiden. Gleichzeitig können Depressionen den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen, beispielsweise durch eine geringere Therapietreue oder eine verminderte Lebensqualität. Pflegefachkräfte nehmen aufgrund ihres regelmäßigen Kontakts zu den Patientinnen und Patienten eine zentrale Rolle bei der Früherkennung ein. Der Beitrag vermittelt grundlegendes Hintergrundwissen zu Depressionen bei CKD, erläutert deren Bedeutung für den Behandlungsalltag und beschreibt die wichtige Rolle der Pflege bei der Wahrnehmung und Weitergabe möglicher Warnsignale.
Keywords:
Depression, CKD, Früherkennung, Pflege
Einleitung
Die chronische Nierenerkrankung (Englisch: Chronic Kidney Disease, kurz CKD) ist eine langfristig fortschreitende Erkrankung der Nieren, bei der die Filterfunktion der Nieren schrittweise nachlässt. In fortgeschrittenen Stadien kann eine Dialysebehandlung notwendig werden. Bei der Dialyse handelt es sich um ein medizinisches Verfahren, bei dem das Blut außerhalb des Körpers von Stoffwechselprodukten und überschüssiger Flüssigkeit gereinigt wird.
Neben körperlichen Beschwerden erleben viele Betroffene erhebliche Veränderungen in ihrem Alltag. Regelmäßige Behandlungen, diätetische Einschränkungen, verminderte körperliche Leistungsfähigkeit sowie soziale und berufliche Anpassungen können eine große Belastung darstellen. Vor diesem Hintergrund treten psychische Begleiterkrankungen vergleichsweise häufig auf. Besonders Depressionen spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.
Depressionen werden im klinischen Alltag jedoch nicht immer erkannt. Dies liegt unter anderem daran, dass sich viele Symptome einer Depression mit Beschwerden der chronischen Nierenerkrankung überschneiden. Gleichzeitig wird der Fokus in der Versorgung häufig auf körperliche Aspekte der Erkrankung gelegt. Pflegefachkräfte nehmen aufgrund ihrer kontinuierlichen Betreuung der Patientinnen und Patienten eine wichtige Rolle ein, wenn es darum geht, Veränderungen im Befinden frühzeitig wahrzunehmen.
Depression bei chronischer Nierenerkrankung
Chronische Erkrankungen gehen häufig mit psychischen Belastungen einher. Bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung können Gefühle von Überforderung, Zukunftsängsten oder sozialem Rückzug auftreten. Studien zeigen, dass etwa 20 bis 50 Prozent der Menschen mit CKD oder Dialysepflicht depressive Symptome entwickeln können (Shirazian et al., 2016; Lefrère et al., 2025).
Eine Depression ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Typische Anzeichen sind eine anhaltend gedrückte Stimmung, Interessenverlust, verminderter Antrieb sowie Gefühle von Hoffnungslosigkeit. Häufig treten zusätzlich körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Appetitveränderungen oder starke Erschöpfung auf.
Gerade bei Patientinnen und Patienten mit chronischer Nierenerkrankung können diese Symptome jedoch schwer einzuordnen sein. Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme beispielsweise können sowohl durch die körperliche Erkrankung als auch durch eine Depression verursacht werden. Diese Überschneidung erschwert die Erkennung im Behandlungsalltag.

Bedeutung für den Behandlungsalltag
Depressionen können sich deutlich auf den Krankheitsverlauf auswirken. Betroffene haben beispielsweise häufiger Schwierigkeiten, therapeutische Empfehlungen konsequent umzusetzen. Dazu gehört etwa die regelmäßige Teilnahme an Dialysebehandlungen, die Einnahme verordneter Medikamente oder die Einhaltung diätetischer Empfehlungen.
Untersuchungen zeigen, dass depressive Symptome mit einer verminderten Lebensqualität sowie mit häufigeren Krankenhausaufenthalten verbunden sein können (Bautovich et al., 2014). Eine aktuelle Studie weist zudem darauf hin, dass depressive Symptome eng mit einer verminderten körperlichen und psychischen Lebensqualität von CKD-Patientinnen und -Patienten zusammenhängen (Nablawi et al., 2025).
Die Berücksichtigung psychischer Belastungen ist daher ein wichtiger Bestandteil einer ganzheitlichen Versorgung.
Mögliche Ursachen
Die Entstehung von Depressionen bei chronischer Nierenerkrankung ist meist multifaktoriell, das heißt mehrere Faktoren wirken zusammen.
Auf biologischer Ebene können im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sogenannte urämische Toxine im Körper ansteigen. Dabei handelt es sich um Stoffwechselprodukte, die normalerweise über die Nieren ausgeschieden werden. Wenn diese Stoffe im Körper verbleiben, können sie entzündliche Prozesse beeinflussen und möglicherweise auch Auswirkungen auf das Gehirn haben (Lefrère et al., 2025).
Neben biologischen Faktoren spielen psychosoziale Belastungen eine wichtige Rolle. Viele Betroffene erleben durch die Erkrankung Einschränkungen in ihrem Alltag. Dazu zählen etwa der Verlust beruflicher Perspektiven, reduzierte soziale Aktivitäten oder eine zunehmende Abhängigkeit von medizinischer Betreuung. Auch Sorgen über den Krankheitsverlauf oder mögliche Komplikationen können eine erhebliche emotionale Belastung darstellen.
Die Rolle der Pflege bei der Früherkennung
Pflegefachkräfte begleiten Patientinnen und Patienten im Dialysealltag häufig über einen langen Zeitraum. Während der Behandlung entstehen regelmäßig Gespräche, und Veränderungen im Verhalten oder in der Stimmung können frühzeitig auffallen.
Beobachtungen, die auf eine mögliche depressive Entwicklung hinweisen können, sind beispielsweise zunehmender sozialer Rückzug, fehlende Motivation zur Therapie oder wiederkehrende Äußerungen von Hoffnungslosigkeit. Auch eine auffällige Müdigkeit, eine verminderte Gesprächsbereitschaft oder ein deutliches Desinteresse an früher wichtigen Themen können Hinweise sein.
Früherkennung bedeutet dabei nicht, eine Diagnose zu stellen. Vielmehr geht es darum, Veränderungen wahrzunehmen und diese im Behandlungsteam anzusprechen.
Kurze Screening-Fragen für den Pflegealltag
Pflegekräfte können keine Diagnose stellen, aber einfache Screening-Fragen helfen zu Beginn, Belastungen einzuschätzen. Sie können informell im Gespräch eingebaut werden, z. B. während Anschluss, Blutdruckmessung oder Abfahrt.
Gesprächsführung im Pflegealltag
Ein sensibler Umgang mit möglichen psychischen Belastungen ist wichtig. Pflegefachkräfte können das Gespräch eröffnen, indem sie Beobachtungen wertschätzend ansprechen. Beispielsweise kann es hilfreich sein zu sagen: „Mir ist aufgefallen, dass Sie in letzter Zeit sehr erschöpft wirken. Wie geht es Ihnen im Moment?“
Solche offenen Fragen ermöglichen es Patientinnen und Patienten, über ihre Situation zu sprechen. Wichtig ist dabei eine respektvolle Haltung, aktives Zuhören und das Vermeiden vorschneller Bewertungen.
Wenn sich Hinweise auf eine mögliche Depression ergeben, sollte dies im Behandlungsteam besprochen werden, damit gegebenenfalls weitere diagnostische Schritte eingeleitet werden können.
Diskussion
Die hohe Häufigkeit von Depressionen bei chronischer Nierenerkrankung verdeutlicht die Bedeutung einer frühzeitigen Wahrnehmung psychischer Belastungen im Behandlungsalltag. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass depressive Symptome häufig erst spät erkannt werden.
Ein Grund dafür ist die starke Überschneidung zwischen körperlichen Beschwerden der Nierenerkrankung und typischen Symptomen einer Depression. Hinzu kommt, dass im medizinischen Alltag häufig körperliche Aspekte der Behandlung im Vordergrund stehen.
Pflegefachkräfte können hier eine wichtige Rolle übernehmen, da sie im Vergleich zu anderen Berufsgruppen häufig den engsten und regelmäßigsten Kontakt zu den Patientinnen und Patienten haben. Durch ihre Beobachtungen können sie wertvolle Hinweise liefern, die eine frühzeitige Abklärung ermöglichen.
Eine gute Zusammenarbeit zwischen Pflege, ärztlichem Dienst sowie psychosozialen Unterstützungsangeboten ist daher entscheidend, um betroffene Patientinnen und Patienten angemessen zu unterstützen.
Fazit
Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Begleiterkrankungen bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung. Sie können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.
Da depressive Symptome im nephrologischen Alltag häufig unerkannt bleiben, ist eine erhöhte Aufmerksamkeit für mögliche Warnsignale wichtig. Pflegefachkräfte nehmen hierbei eine zentrale Rolle ein. Durch den regelmäßigen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten können sie Veränderungen im Befinden frühzeitig wahrnehmen und zur weiteren Abklärung beitragen.
Eine offene Kommunikation, eine sorgfältige Beobachtung sowie eine enge Zusammenarbeit im interprofessionellen Behandlungsteam sind wesentliche Voraussetzungen für eine ganzheitliche Versorgung von Menschen mit chronischer Nierenerkrankung.

Autorenangaben:
Dr. Gabriele Angenendt
Psychologische Psychotherapeutin
Dozentin
Vorstandsmitglied Stiftung Aktion Niere
Mit freundlicher Unterstützung von MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG
Hinweise zu Interessenkonflikten:
Dr. Gabriele Angenendt steht zu verschiedenen fachlichen Themen in beratender Zusammenarbeit mit der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG.
Literaturverzeichnis
Bautovich, A., Katz, I., Smith, M., Loo, C. und Harvey, S., 2014. Depression and chronic kidney disease: A review for clinicians. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry, 48(6), S.530–541.
Lefrère, A., Burtey, S., Bobot, S., Belzeaux, R. und Bobot, M., 2025. Depression in chronic kidney disease: Particularities, specific mechanisms and therapeutic considerations. Behavioural Brain Research, 483.
Nablawi, R.A., Alghamdi, L.S., Alshaikh, A.E., Alagha, A.M., Alharbi, N.T., Ali, A.H., Khafaji, H.A., Zarei, E.W.E. und Alzahrani, N.A., 2025. Quality of life and depression among chronic kidney disease patients: A tertiary care center cross-sectional study. Frontiers in Nephrology, 5.
Shirazian, S., Grant, C.D., Aina, O., Mattana, J., Khorassani, F. und Ricardo, A., 2016. Depression in chronic kidney disease and end-stage renal disease: Similarities and differences in diagnosis, epidemiology, and management. Kidney International Reports, 2(1), S.94–107.