Vorteile spezialisierter Wundambulanzen für Dialysepatienten: Evidenzbasierte Perspektiven
Chronische und schwer heilende Wunden stellen eine erhebliche Herausforderung für das Gesundheitssystem dar, besonders bei Patientengruppen mit komplexen Grunderkrankungen wie Dialysepatienten. Die Prävalenz chronischer Wunden ist in dieser Gruppe deutlich erhöht, was auf Faktoren wie Diabetes mellitus, arterielle Durchblutungsstörungen und Polyneuropathien zurückzuführen ist. Diese Grunderkrankungen verschlechtern die Wundheilung und erhöhen das Risiko schwerwiegender Komplikationen, einschließlich Amputationen und erhöhter Mortalität. In diesem Kontext gewinnen spezialisierte Wundambulanzen zunehmend an Bedeutung, da sie die Ursachen der Wundentstehung fokussieren, innovative Lösungsansätze bieten, um Versorgungslücken zwischen ambulanter und stationärer Behandlung zu schließen und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig zu verbessern.

Spezifische Problematik bei Dialysepatienten
Dialysepatienten sind besonders anfällig für die Entwicklung chronischer Wunden. Studien zeigen, dass bis zu 15 % der Dialysepatienten im Verlauf ihrer Behandlung mit chronischen Wunden konfrontiert werden (Saran et al., 2019). Die Gründe hierfür sind vielfältig: Neben der bereits erwähnten Multimorbidität führen auch die häufig eingeschränkte Mobilität, eine gestörte Immunabwehr und ein erhöhter Bedarf an Energie und Eiweiß zu einer erschwerten Wundheilung. Zudem sind Dialysepatienten häufig auf wiederholte invasive Eingriffe angewiesen, was das Infektionsrisiko weiter erhöht (Frykberg & Banks, 2015).
Die Folgen chronischer Wunden sind gravierend: Sie reichen von Schmerzen, Infektionen und Mobilitätseinschränkungen bis hin zu Amputationen und einer deutlich reduzierten Lebenserwartung. Eine Studie von Iida et al. (2012) zeigte, dass die 3-Jahres-Überlebensrate bei Dialysepatienten mit nicht verheilter kritischer Extremitätenischämie (CLI) lediglich 12 % beträgt, während sie bei Patienten mit geheilten Wunden bei 63 % liegt.
Warum Wundambulanzen dennoch vorteilig sind
Chronische Wunden sind bei Dialysepatienten eine häufige und schwerwiegende Komplikation. Während die Prävalenz chronischer Wunden in der Allgemeinbevölkerung bei etwa 0,8 % liegt, entwickeln Schätzungen zufolge zwischen 7,8 % und 15 % aller Patienten im Verlauf ihrer Dialysebehandlung eine chronische Wunde (Saran et al., 2019; Margolis et al., 2002; Hirmer, 2023). Das Risiko ist besonders hoch bei Patienten mit Diabetes mellitus, die etwa 40 % der Dialysepopulation ausmachen. Sie sind aufgrund von Durchblutungsstörungen und Polyneuropathie besonders gefährdet (Frykberg & Banks, 2015; Saran et al., 2019). Diese Zahlen verdeutlichen die besondere Bedeutung einer spezialisierten Wundversorgung im nephrologischen Bereich.
Im Rahmen der Dialysetherapie ist eine regelmäßige Fußuntersuchung unerlässlich, um mögliche Druckstellen und Wunden frühzeitig zu erkennen und Dekubitus vorzubeugen. Die Versorgung der Wunden vor, während oder nach der Dialysetherapie ist eigentlich nicht im Versorgungsauftrag der ambulanten Dialysetherapie enthalten, fällt aber gelegentlich aus Notwendigkeit an – allein schon wegen der gebotenen Infektionsprophylaxe –, wenn die Wundauflagen durchnässt sind oder sich abgelöst haben. Die hierfür notwendige Expertise ist in den meisten Fällen weder beim Pflege- noch beim ärztlichen Personal vorhanden.
Spezialisierte Wundambulanzen bieten Dialysepatienten zahlreiche Vorteile, die sich insbesondere aus der engen interdisziplinären Zusammenarbeit ergeben. In diesen Einrichtungen arbeiten verschiedene Fachrichtungen wie Nephrologie, Gefäßchirurgie, Pflege und Ernährungstherapie eng zusammen, um eine individuell angepasste und ganzheitliche Versorgung sicherzustellen. Diese Vernetzung trägt nachweislich zu einer deutlichen Verbesserung der Behandlungsqualität bei, beschleunigt die Genesung und reduziert das Risiko von Komplikationen (Gottrup et al., 2013). Ein weiterer Vorteil liegt in der effizienten Organisation der Wundversorgung. Während die Integration von Wundbehandlungen in den Alltag der Patienten, etwa durch ambulante Versorgung zu Hause oder im Pflegeheim, eine große Entlastung für Patienten und Pflegepersonal bedeutet, ist der Verbandswechsel während der Dialysebehandlung selbst kritisch zu betrachten. Obwohl dies auf den ersten Blick als zeitsparend erscheinen mag, birgt es erhebliche Risiken. Während der Dialyse ist das Infektionsrisiko erhöht, und die Kreislaufsituation der Patienten kann instabil sein, weshalb Verbandswechsel während der Behandlung ausdrücklich vermieden werden sollten. Die spezialisierte Wundambulanz sorgt dafür, dass die Versorgung außerhalb der Dialysezeiten geplant und sicher durchgeführt wird.
Wundambulanzen zeichnen sich zudem durch ihre hohe Flexibilität und schnelle Reaktionsfähigkeit aus. Termine können oft kurzfristig vergeben werden, häufig innerhalb von 24 Stunden, und bei Bedarf sind auch digitale Wundvisiten möglich. Diese schnelle Verfügbarkeit ist besonders bei akuten Verschlechterungen wichtig, da Komplikationen frühzeitig erkannt und behandelt werden können (Gottrup et al., 2013).
Ein weiterer Pluspunkt ist der Einsatz moderner, herstellerneutraler Wundmaterialien. Druckarme und nicht-haftende Wundauflagen verhindern das Wiederaufreißen von Wunden und fördern insbesondere bei nässenden oder infizierten Wunden die Heilung. Die Unabhängigkeit von bestimmten Herstellern ermöglicht es, für jeden Patienten die optimalen Produkte auszuwählen (Frykberg & Banks, 2015). Darüber hinaus legen Wundambulanzen großen Wert auf die Schulung und Anleitung von Patienten, Angehörigen und Pflegediensten. Durch gezielte Schulungen wird die Eigenständigkeit der Betroffenen gestärkt und die Therapietreue verbessert, was sich positiv auf die Heilungschancen auswirkt. Die Einbindung des sozialen Umfelds ist dabei ein entscheidender Faktor für den Behandlungserfolg (Gottrup et al., 2013).
Die professionelle ambulante Wundversorgung trägt außerdem dazu bei, unnötige Krankenhausaufenthalte und wiederholte Einweisungen – den sogenannten „Drehtüreffekt“ – zu vermeiden. Dies entlastet nicht nur das Gesundheitssystem, sondern steigert auch die Lebensqualität der Patienten (Hirmer, 2023). Die schnellere Abheilung von Wunden und die Vermeidung von Komplikationen führen darüber hinaus zu einer deutlichen Kostenersparnis, da der Bedarf an teuren stationären Behandlungen langfristig sinkt (Gottrup et al., 2013).
Trotz dieser zahlreichen Vorteile gibt es auch einige Nachteile, die nicht unerwähnt bleiben sollten. Durch die zentrale Versorgung in der Wundambulanz geben Patienten und das betreuende Team vor Ort einen Teil ihrer Verantwortung und Kontrolle ab. Die eigene Expertise sowie die kontinuierliche Überwachung des Heilungsprozesses liegen dann nicht mehr vollständig in ihrer Hand. Zudem erfordert der Besuch einer Wundambulanz einen zusätzlichen zeitlichen Aufwand, der für Dialysepatienten, die ohnehin schon einen eng getakteten Therapieplan haben, eine zusätzliche Belastung darstellen kann. Dies gilt umso mehr, als die Durchführung von Verbandswechseln während der Dialysebehandlung – obwohl organisatorisch naheliegend – aus medizinischer Sicht kontraindiziert ist und daher vermieden werden sollte.
Insgesamt überwiegen jedoch die Vorteile spezialisierter Wundambulanzen, insbesondere im Hinblick auf die Sicherheit, die Qualität der Versorgung und die langfristigen Behandlungsergebnisse für Dialysepatienten. Eine Integration von Wundambulanzen in Dialyseeinrichtungen, auf die wir hier noch hinweisen werden, kann daher ein Lösungsansatz sein.
Wissenschaftliche Evidenz von Wundambulanzen
Die Vorteile spezialisierter Wundambulanzen lassen sich auch statistisch belegen. So führte die Implementierung eines strukturierten, multidisziplinären Wundmanagement-Protokolls in einer retrospektiven Studie mit 110 Dialysepatienten zu einer Reduktion der Inzidenz von Hautwunden um 46 %. Dieser Rückgang wurde durch die enge Zusammenarbeit von Nephrologen, spezialisierten Pflegekräften und die Integration moderner Wundmanagement-Strategien erreicht (Gottrup et al., 2013).
Eine weitere Untersuchung von Iida et al. (2012) verdeutlicht die Auswirkungen der Wundheilung auf die Prognose von Dialysepatienten:
| Patientengruppe | 3-Jahres-Überlebensrate |
|---|---|
| Mit geheilten Wunden | 63 % |
| Mit nicht geheilten Wunden (CLI) | 12 % |
Diese Zahlen unterstreichen, dass eine erfolgreiche Wundheilung – wie sie durch spezialisierte Wundambulanzen gefördert wird – einen entscheidenden Einfluss auf das Überleben von Dialysepatienten hat.
In den Originalstudien finden sich zudem Grafiken, die diese Effekte anschaulich darstellen, beispielsweise der Rückgang der Wundinzidenz nach Einführung des multidisziplinären Protokolls (Gottrup et al., 2013) sowie Kaplan-Meier-Kurven zur Überlebensrate (Iida et al., 2012).
Integration spezialisierter Wundambulanzen in Dialyseeinrichtungen und die Schlüsselrolle der nephrologischen Fachpflege
Wie bereits oben ausgeführt, stellen chronische Wunden bei Dialysepatienten eine ernstzunehmende Begleiterkrankung dar, die pragmatische und alltagstaugliche Versorgungsstrukturen erfordert – sowohl für die Betroffenen selbst als auch für die betreuenden Einrichtungen. Der aktuelle Dialysepflegestandard betont in diesem Zusammenhang die besondere Bedeutung der Pflegeplanung: Die individuelle Wundsituation sowie deren kausale Zusammenhänge sind regelmäßig im Rahmen des Pflegeprozesses zu erfassen, zu dokumentieren und zu bewerten (Nephrologischer Fachverband, 2023). So wird sichergestellt, dass Veränderungen frühzeitig erkannt und notwendige Maßnahmen zeitnah eingeleitet werden.
Um eine optimale Versorgung zu gewährleisten, empfiehlt es sich, spezialisierte Wundambulanzen strukturell in den Ablauf der Dialyseeinrichtung zu integrieren. Dies kann in unterschiedlichen Modellen umgesetzt werden:
- Kooperation mit externen Wundambulanzen:
Hierbei erfolgt die Überweisung und enge Abstimmung zwischen Dialyseteam und Wundexperten, um eine kontinuierliche Versorgung sicherzustellen. - Regelmäßige Wundsprechstunden in der Einrichtung:
Wundexperten führen vor Ort Sprechstunden durch, sodass die Patienten wohnortnah und im vertrauten Umfeld betreut werden können. - Interdisziplinäre Wundboards:
Komplexe Fälle werden gemeinsam von Nephrologen, Wundexperten und weiteren Fachdisziplinen besprochen, um individuelle Therapiepläne zu entwickeln.
In allen Integrationsmodellen übernimmt die nephrologische Fachpflegekraft eine zentrale Rolle. Sie ist für die Koordination der Abläufe, die Umsetzung der Therapieempfehlungen und die Kommunikation zwischen allen beteiligten Berufsgruppen verantwortlich. Im Rahmen der Pflegeplanung werden Beobachtungen und Maßnahmen systematisch dokumentiert und fließen direkt in die individuelle Versorgung ein. So wird eine patientenzentrierte, sichere und qualitativ hochwertige Wundversorgung gewährleistet (Nephrologischer Fachverband, 2023).
Fazit
Spezialisierte Wundambulanzen stellen für Dialysepatienten eine wesentliche Ergänzung zur bestehenden Versorgung dar. Sie ermöglichen eine strukturierte, individuell abgestimmte und interdisziplinär vernetzte Wundbehandlung, die an den besonderen Bedürfnissen dieser Patientengruppe ausgerichtet ist. Die Integration solcher Angebote in den Alltag der Dialyseeinrichtungen – sei es durch Kooperationen, regelmäßige Wundsprechstunden oder interdisziplinäre Boards – schafft die Voraussetzung, chronische Wunden frühzeitig zu erkennen, gezielt zu behandeln und Komplikationen effektiv zu vermeiden.
Die nephrologische Fachpflege übernimmt dabei eine Schlüsselrolle: Sie integriert das Wundmanagement in die Pflegeplanung, dokumentiert Veränderungen systematisch und koordiniert die Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen. Der aktuelle Dialysepflegestandard gibt hierfür einen klaren Rahmen vor und betont die Bedeutung einer regelmäßigen, strukturierten Erfassung und Bewertung der Wundsituation im Pflegeprozess.
Trotz organisatorischer und zeitlicher Herausforderungen überwiegen die Vorteile spezialisierter Wundambulanzen deutlich: Sie verbessern die Behandlungsqualität, beschleunigen die Heilung, reduzieren Komplikationen und tragen nachhaltig zur Lebensqualität der Betroffenen bei. Die Weiterentwicklung und Verbreitung dieser spezialisierten Versorgungsstrukturen ist daher ein entscheidender Schritt, um die Versorgung von Dialysepatienten mit chronischen Wunden zukunftssicher und patientenzentriert zu gestalten.
Autorenangaben:
Herr Thomas Fernsebner M.A.
Akademie nephrologischer Berufsgruppen GmbH
Traunstein / Erfurt
Literaturverzeichnis
Frykberg, R. G., & Banks, J. (2015). Challenges in the Treatment of Chronic Wounds. Advances in Wound Care, 4(9), 560–582.
Gottrup, F., Apelqvist, J., & Price, P. (2013). Outcomes in controlled and comparative studies on non-healing wounds: Recommendations to improve the quality of evidence in wound management. Journal of Wound Care, 22(3), 112–118.
Hirmer, S. (2023). Innovative Versorgungskonzepte in der ambulanten Wundbehandlung – Eine Analyse am Beispiel der BFW Wundambulanz. (Bachelorarbeit).
Iida, O., Nakamura, M., Yamauchi, Y., et al. (2012). Clinical efficacy of wound healing in critical limb ischemia patients on hemodialysis. Journal of Vascular Surgery, 56(3), 766–773.
Fachverband nephrologischer Berufsgruppen e. V. (2023). Dialysepflegestandard.
Saran, R., Robinson, B., Abbott, K. C., et al. (2019). US Renal Data System 2018 Annual Data Report: Epidemiology of Kidney Disease in the United States. American Journal of Kidney Diseases, 73(3 Suppl 1), A7–A8.