Verbandswechsel beim zentralen Dialysekatheter: Bedeutung, Standards, Evidenz und Komplikationen
Der zentrale Dialysekatheter ist für viele Patienten mit chronischer Nierenerkrankung ein unverzichtbarer Zugang zur Hämodialyse. Die Pflege und insbesondere der Verbandswechsel an der Katheteraustrittsstelle sind von zentraler Bedeutung für die Infektionsprävention und den langfristigen Erhalt des Katheters und damit letztendlich das Überleben an der Dialyse. Nationale und internationale Leitlinien, wie sie von derArbeitsgruppe Pflege des Fachverbandes nephrologischer Berufsgruppen (fnb) in der GHEAP Zugänge zur Dialyse, der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Dialysezugang (IAD), der EDTNA/ERCA und der ANNA herausgegeben werden, betonen die Notwendigkeit eines strukturierten, aseptischen Vorgehens (fnb,2018; IAD, 2024; EDTNA/ERCA, 2023; ANNA, 2021).

Warum ist aseptisches Arbeiten beim Verbandswechsel unverzichtbar?
Katheterassoziierte Infektionen gehören zu den häufigsten und schwerwiegendsten Komplikationen bei Hämodialysepatienten. Sie sind nach kardiovaskulären Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in dieser Patientengruppe. Die häufigste Infektkomplikation ist die katheterassoziierte Bakteriämie (KAB), die zu Sepsis, Endokarditis und anderen schweren Folgeerkrankungen führen kann. Das Risiko für KAB ist bei zentralen Kathetern deutlich höher als bei arteriovenösen Fisteln, mit einem 1,4- bis 3,4-fach erhöhten Letalitätsrisiko (Arzneimittelbrief, 2020; IAD, 2024).
Die wichtigsten Maßnahmen zur Prävention katheterassoziierter Infektionen sind die hygienische Händedesinfektion und die strikte Einhaltung aseptischer Bedingungen bei jedem Anschluss zur Behandlung, dem Verbandswechsel und bei der Manipulation am Katheter. In zahlreichen Publikationen und Studien der Universität Leipzig konnte gezeigt werden, dass eine strikte und regelmäßige Schulung des Personals einen signifikanten Rückgang katheterassoziierter Infektionen bewirkt. Diese Erkenntnisse werden auch von internationalen Fachgesellschaften wie der ANNA und der EDTNA/ERCA bestätigt, die regelmäßige Fortbildungen und die Implementierung von Standard Operating Procedures (SOPs) empfehlen (ANNA, 2021; EDTNA/ERCA, 2023).
Tunnelinfektion und weitere Komplikationen
Ein besonderes Augenmerk gilt dabei nicht nur der klassischen Katheteraustrittsstelleninfektion, sondern auch der Tunnelinfektion. Die Tunnelinfektion ist eine Entzündung entlang des subkutanen Katheterverlaufs (Kathetertunnel) und kann sich durch Rötung, Schwellung, Schmerzen oder eitriges Sekret entlang des Katheters äußern. Sie stellt eine schwerwiegende Komplikation dar, da sie häufig mit systemischen Infektionen bis hin zur Sepsis einhergeht und in vielen Fällen die Entfernung des Katheters erforderlich macht (OEANPT, 2024; DGfN, 2020; IAD, 2024).
Die Unterscheidung zwischen lokaler Katheteraustrittsstelleninfektion und Tunnelinfektion ist klinisch relevant, da die Therapie und das weitere Vorgehen unterschiedlich sind. Während bei einer lokalen Infektion oft eine örtliche Behandlung und ein Verbandswechsel ausreichend sein können, erfordert die Tunnelinfektion in der Regel eine systemische antibiotische Therapie und häufig die Entfernung des betroffenen Katheters (OEANPT, 2024; IAD, 2024).
Klassifikation der Katheteraustrittsstelle (KAST)
Die Einschätzung der Katheteraustrittsstelle erfolgt nach einem standardisierten, abgestuften System, das die weitere Versorgung und das Verbandmaterial bestimmt (OEANPT, 2024; GHEAP/IDA, o.J.; IAD, 2024):
- KAST 0: Unauffällige Haut, keine Rötung, keine Kruste, keine Schmerzen.
- KAST 1: Geringe Rötung (< 0,5 cm), trockene Kruste, kein Exsudat, keine Schmerzen.
- KAST 2: Rötung > 0,5 cm, wenig klares Exsudat, keine Schmerzen.
- KAST 3: Rötung > 0,5 cm, reichlich trübes oder purulentes Exsudat, evtl. Schmerzen.
- KAST 4: Deutliche Infektion, purulentes Exsudat, Rötung entlang des Kathetertunnels, meist Druckschmerzen.

KAST 0 
KAST 1 
KAST 2 
KAST 3 
KAST 4
Abbildung: KAST 0-4 (Quellen: B. Spindler, Limeshain; S. Böse, Schwerin; J. Teixidó, N. Arias Hospital Universitari “Germans Trias i Pujoi”. Badalona, Barcelona. Spain)
Je nach Klassifikation werden das Vorgehen und das Verbandmaterial angepasst.
Verbandsmaterialien im Überblick
- Folienverband: Transparent, ermöglicht die Inspektion der Austrittsstelle, kann bis zu sieben Tage verbleiben, sofern keine Verschmutzung oder Ablösung vorliegt.
- Trockener Wundverband: Bei Exsudat oder Infektionszeichen, Wechsel bei jeder Dialysebehandlung.
- Sterile Kompressen, Schlauchverbände, Fixierpflaster: Dienen der Fixierung und dem Schutz der Katheterkonnektoren.
- Antimikrobielle Pflaster oder Patches: Chlorhexidin-haltige Schwammverbände können das Risiko für KAB um bis zu 60 % senken, sind jedoch nicht frei von Nebenwirkungen wie Kontaktdermatitis (OEANPT, 2024; ANNA, 2021).
- Spezielle Verbandmaterialien: Je nach individueller Situation und hausinterner Richtlinie.
Die IAD empfiehlt, die Auswahl des Verbandmaterials individuell und risikoorientiert zu treffen und regelmäßig zu evaluieren (IAD, 2024).

Standardisierter Ablauf des Verbandswechsels
- Vorbereitung: Arbeitsplatz und Material vorbereiten, Flächendesinfektion durchführen.
- Patient informieren: Patienten über den Ablauf informieren und nach lokalen Beschwerden fragen.
- Händehygiene: Vor und nach dem Verbandswechsel sorgfältige Händedesinfektion.
- Aseptisches Arbeiten: Unsterile Handschuhe für das Entfernen des alten Verbandes, Inspektion der Austrittsstelle, dann sterile Handschuhe für die weitere Versorgung.
- Reinigung und Desinfektion: Je nach KAST-Klassifikation Reinigung mit NaCl 0,9 % und/oder Desinfektion mit Hautantiseptikum.
- Neuer Verband: Verband atraumatisch und zugfrei anbringen, Katheter fixieren.
- Nachbereitung: Entsorgung des Materials, Dokumentation, ärztliche Information bei Auffälligkeiten.
Wichtiger Hinweis: Der Verbandswechsel des zentralen Dialysekatheters ist strikt von dem Anschluss des Patienten an die Dialyse zu trennen. Der sterile Tisch für den Verbandswechsel darf nicht mit Hilfsmitteln oder Materialien für den Anschluss an die Dialyse kombiniert oder gemeinsam genutzt werden. Nur durch diese klare Trennung kann das Risiko einer Keimverschleppung und damit einer Infektion effektiv minimiert werden (OEANPT, 2024; IAD, 2024; EDTNA/ERCA, 2023).
Fazit
Der Verbandswechsel beim zentralen Dialysekatheter ist neben dem Anschluss an das Dialysegerät ein kritischer Moment in der Versorgung von Dialysepatienten. Durch die konsequente Einhaltung aseptischer Techniken, die Verwendung geeigneter Verbandmaterialien, die klare Trennung von Verbandswechsel und Anschluss sowie die Orientierung an aktuellen Empfehlungen und Studien kann das Risiko schwerer Infektionen, einschließlich Tunnelinfektionen, deutlich gesenkt werden. Die regelmäßige und strukturierte Schulung des Pflegepersonals ist dabei unerlässlich und ein Schlüssel zur Problemlösung (ANNA, 2021; IAD, 2024).
Autorenangaben:
Herr Michael Reichardt
Arbeitsgruppenmitglied GEHAP
Lehrer für Gesundheitsberufe und Fachkrankenpfleger der Nephrologie
Essen
Literaturverzeichnis
ANNA | American Nephrology Nurses Association. (2023). Evidence-Based Practice Tools. ANNA | American Nephrology Nurses Association. www.annanurse.org/science/ebp-tools/
Arzneimittelbrief. (2011, März 1). Prävention Venenkatheter-assoziierter Infektionen, Dargestellt Am Beispiel Der Hämodialyse-Katheter | Der Arzneimittelbrief. der-arzneimittelbrief.com/artikel/2011/praevention-venenkatheter-assoziierter-infektionen-dargestellt-am-beispiel-der-haemodialyse-katheter
DGfN. (o. J.). Startseite - DGfN. Abgerufen 9. Juli 2025, von www.dgfn.eu/dialyse-standard.html?file=files%2Fcontent%2Fleitlinien%2Fhygieneleitlinie%2F20200127_LL-Hygiene-Einzelseiten.pdf
EDTNA/ERCA. (2023). EDTNA/ERCA. EDTNA/ERCA. www.edtnaerca.org
GHEAP, Spindler, B., & Arbeitsgruppe Pflege. (2018). Zugänge zur Dialyse: Empfehlungen der Arbeitsgruppe Pflege (GHEAP) (3. Auflage). Fachverband Nephrologischer Berufsgruppen e. V. (fnb).
IAD. (2024). Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft für Dialysezugänge. dialysezugang.de
OEANPT. (2024). Homepage OEANPT. OEANPT. oeanpt.at/images/downloads/empfehlung_verbandwechsel.pdf
Robert Koch-Institut (RKI). (o. J.). Prävention von Infektionen, die von Gefäßkathetern ausgehen (2017). Abgerufen 9. Juli 2025, von www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Krankenhaushygiene/KRINKO/Empfehlungen-der-KRINKO/Device-assoziierte-postoperative-Infektionen/Tabelle_Gefaesskath_Rili.html
Universität Leipzig. (2024, November 14). Wie das Risiko für Infektionen auf Intensivstationen reduziert werden kann. www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/wie-das-risiko-fuer-infektionen-auf-intensivstationen-reduziert-werden-kann-2024-11-14